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MAGAZINE

Im Gespräch mit Michel Abdollahi

Als deutsch-iranischer Journalist und Moderator hinterfragt Michel, wo Freiheit beginnt, wo sie endet – und wie schnell sie zur Illusion wird. Seine Gedanken sind präzise, unbequem und fordern dazu heraus, die eigenen Gewissheiten neu zu prüfen. Für seine journalistische Arbeit wurde er mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Herr Abdollahi, im Rahmen unseres aktuellen Magazins beschäftigen wir uns mit dem Thema
Freiheit in all seinen Facetten. Wie definieren Sie persönlich Freiheit – gerade als Deutscher mit Migrationshintergrund – und welchen Wert hat sie für Sie?

War es aus Ihrer Sicht Zufall, dass Ihre Eltern Deutschland als neue Heimat gewählt haben?
Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sowohl Deutschland als auch der Iran in ihrer Geschichte politische Systeme erlebt haben bzw. erleben, die Freiheit eingeschränkt oder mit Gewalt unterdrückt haben – wenn auch in unterschiedlicher Form?

„Freiheit ist für mich kein Zustand, den man erreicht und dann besitzt wie ein Sparkonto. Freiheit ist die Abwesenheit von Angst. Wenn ich nicht darüber nachdenken muss, ob
mein nächster Satz mich ins Gefängnis bringt oder ob meine bloße Existenz ein politisches Statement ist, dann bin ich frei. Als Deutscher mit iranischen Wurzeln ist dieser Wert für mich nicht theoretisch, er ist physisch spürbar. Wer Freiheit als selbstverständlich ansieht, hat meistens noch nie die Luft in einem Raum geatmet, in dem sie fehlt.

Deutschland bot nach 1945 sicher ein System der Regeln. Und Regeln sind, paradoxerweise, der beste Freund der Freiheit. Der Iran und Deutschland teilen die Erfahrung der Totalität, aber Deutschland hat sich für die Therapie entschieden, während der Iran noch im Trauma feststeckt. Das alles hat für uns aber alles keine Rolle gespielt. Migration ist selten ein philosophischer Akt, sie ist oft eine Flucht in die Berechenbarkeit. Meine Eltern sind nach Deutschland zurückgekehrt, da beide schon vor der Islamischen Republik hier gearbeitet und studiert hatten.“

Herr Abdollahi, Arthur Schopenhauer vertrat die These, dass der Mensch zwar tun kann, was er will, aber nicht wollen kann, was er will – dass unser Wille also nicht wirklich frei ist. Wenn das stimmt: Ist Freiheit dann nur ein Gefühl, das wir uns selbst zuschreiben? Und was bedeutet dieser Gedanke für Ihr persönliches Verständnis von Freiheit?

„Schopenhauer hat recht, und das ist die bittere Pille, die wir nur ungern schlucken. Wir halten uns für die Architekten unseres Willens, dabei sind wir meistens nur die Mieter unserer Triebe, unserer Erziehung und unserer Hormone. Wir „wollen“ Freiheit oft nur, weil wir das Korsett spüren.

Aber: Auch wenn der freie Wille eine biologische oder metaphysische Illusion sein mag, ist die politische Freiheit real. Nur weil ich nicht kontrollieren kann, dass ich Hunger auf Schokolade habe, möchte ich trotzdem in einer Welt leben, in der ich entscheiden kann, in welchen Laden ich gehe, um sie zu kaufen. Wahre Freiheit bedeutet für mich heute, sich der eigenen Unfreiheit bewusst zu sein und trotzdem so zu handeln, als hätte man die Wahl. Das ist meiner Meinung nach der einzige elegante Ausweg aus Schopenhauers Falle. Aber das bewerten ja rechte Schreihälse heute ganz anders.“

Wann haben Sie sich das letzte Mal wirklich frei gefühlt – im Sinne von unbeschwert, ohne Druck, ohne Erwartungen, einfach im Moment?

„Das ist eine gefährliche Frage, weil sie suggeriert, Freiheit sei Wellness. Wahre Unbeschwertheit erlebe ich selten in der Stille, sondern eher im Rauschen. Das letzte Mal war es wahrscheinlich auf der Autobahn nachts um drei, keine Termine im Kopf, das Radio aus, nur das Licht der Scheinwerfer auf dem Asphalt. In diesem Moment erwartet niemand etwas von mir, ich bin nur ein Punkt, der sich von A nach B bewegt. Freiheit ist oft die kurze Lücke zwischen zwei Verpflichtungen. Oder etwas romantischer: Letze Woche mit meinem Kollegen im Baumarkt, inmitten von Menschen, die verzweifelt versuchen, ihr Leben durch Heimwerken unter Kontrolle zu bringen. Dort zu stehen, absolut gar nichts zu brauchen und den Drang der anderen zur Selbstoptimierung einfach nur an sich vorbeiziehen zu lassen. Das ist purer Luxus.“

Wenn man die Entwicklung Deutschlands betrachtet – vom angepassten Mitlaufen
Freiheit ist die Abwesenheit von Angst. im Nationalsozialismus hin zur kritischen Gegenhaltung der 68er-Bewegung – zeigt sich ein Wandel von Konformität zu Widerspruch. Doch beides scheint nicht automatisch zu echter Freiheit zu führen. Glauben Sie, dass der Mensch dazu neigt, immer wieder in neue Formen von Unfreiheit zu geraten – nur in veränderter Gestalt?

„Absolut. Der Mensch ist nicht nur Gewohnheitstier, sondern auch ein Herdentier, das sich gerne als Wolf verkleidet. Wir haben das autoritäre Mitlaufen der 40er Jahre durch den moralischen Konformismus von heute ersetzt. Ob es die Angst vor der Gestapo war oder heute die Furcht vor dem digitalen Lynchmob: Wir tauschen oft nur die Ketten aus. Wir rennen in diese neuen Unfreiheiten, weil echte Freiheit anstrengend ist. Sie ist kalt, einsam und verlangt tägliche Entscheidungen. Die neue Konformität bietet uns dagegen das kuschelige Gefühl, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Das Paradoxe ist: Wir wissen das alles. Wir haben die Geschichtsbücher im Regal und die Algorithmen auf dem Smartphone; wir durchschauen die Mechanismen und machen trotzdem mit. Wir sind vielleicht die erste Generation, die sehenden Auges in die Unfreiheit spaziert, weil wir glauben, ein gelikter Protest sei bereits gelebter Widerstand. Dabei ist er nur die Dekoration einer neuen Gefangenschaft.

Die Lösung liegt nicht in der nächsten großen Bewegung, sondern in der unhöflichen Geste. Wahre Freiheit beginnt dort, wo man bereit ist, eine Enttäuschung für andere zu sein. Wir müssen wieder lernen, allein im Wind zu stehen, ohne nach einer Fahne zu greifen. Wer frei sein will, muss die Souveränität besitzen, auch mal der Idiot in der Runde zu sein. Das ist der einzige Weg, um nicht Teil der nächsten Herde zu werden. Tut aber erstmal ziemlich weh.“

Was schätzen oder lieben Sie persönlich an der Freiheit in Deutschland am
meisten? Und welche Rolle spielt dabei für Sie das Grundgesetz – ist es für Sie das Fundament dieser Freiheit oder nur ein Rahmen, der erst mit Leben gefüllt werden muss?

„Ich kämpfe mit diesem Begriff der „Liebe zur Freiheit“ in Deutschland. Denn was wir hier Freiheit nennen, ist oft nur eine sehr gut verwaltete Abwesenheit von Willkür. Was ich schätze, ist die wunderbare, fast schon narkotisierende deutsche Vorhersehbarkeit. Als jemand, dessen familiäre Wurzeln in einem Land liegen, in dem das Schicksal an der Laune eines Revolutionswächters hängt, ist die deutsche Bürokratie für mich eine Form von Romantik. Die wir aber gerade verlieren, weil seit dem Erstarken der Rechten ich auch in Deutschland immer häufiger der bewussten Willkür ausgesetzt bin. Noch nicht auf dem Level eines Revolutionswächters, aber oft nicht weniger ohnmächtig. Das ist eine große Gefahr!

Aber diese Freiheit fühlt sich oft steril an. Sie ist sicher, sie ist sauber, aber man traut sich kaum zu atmen, um sie nicht zu gefährden. Das Grundgesetz ist sicher mit das beste Stück Papier, das wir je produziert haben. Aber es ist kein Fundament, auf dem man schläft, sondern ein Käfig mit sehr weiten Gittern. Es schützt mich vor dem Staat, aber es schützt mich nicht vor der deutschen Sehnsucht, alles zu normieren. Ich liebe das Grundgesetz als Schutzschild gegen den Mob, aber ich verzweifle an der deutschen Freiheit, die immer sofort nach einem Schild fragt, auf dem steht, was man nicht darf. Wir haben die Freiheit der Meinung, aber wir haben die soziale Pflicht zur Einstimmigkeit. Meine persönliche Freiheit in Deutschland ist also ein Paradox: Ich bin dankbar für den Rahmen, aber ich verbringe mein Leben damit, gegen die Ränder dieses Rahmens zu stoßen, damit er nicht verrostet. Mal schauen, wie lange noch.“

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