Theo Roos

Wie man wird, was man ist.

Eine Begegnung mit Theo Roos ist so erfrischend wie philosophischen Vitamine. Als Filmemacher, Musiker und Philosoph lebt er in Köln, wo er auch eine philosophische Ambulanz anbietet. Christina Lissmann hat ihn für friendly hunting auf seiner Dachterrasse besucht.

Wie sieht ein glücklicher Tag bei Dir aus?

Wenn ich es schaffe, das Lassen zu tun. Wenn sich die Dinge einstellen. Sich ergeben. Wenn der Tag auf mich zukommt, und ich sagen kann: „Ja, so soll es sein!“

Was sind Deine Glücks-Flow-Momente?

Wenn ich mit Raffel, meinem Sohn (6 J.), zusammen bin, und eine Atmosphäre entsteht, wo er einfach so sein kann, wie er ist und ich auch. Dann ist es perfekt, dann sind das glückliche Momente.
Oder bei der Arbeit, beim Schneiden von meinen Filmen: Wenn es mir gelingt, mich so weit zurückzunehmen, dass das Material, Töne und Bilder an den Rändern magnetisch werden und sich ihren eigenen Anschluss suchen, ihren eigenen Flow finden, – „in gutem Fluss sein“ ist eine Bedeutung von Glück im Griechischen, „panta rhei“ – dann sind das für mich auch Glücksmomente.

Hast Du bestimmte Techniken für Deine innere Balance?

Wenn ich es schaffe, versuche ich mich zu beobachten und mich daran zu erinnern, im Moment zu sein, mich in meine Zeit, meine Synchronizität zu bringen, weder in der Vorstellung in der Zukunft noch in der Vergangenheit zu sein. Das kann man üben. Ich finde diese Art von Philosophie gut, in der es um Übung geht. In der römischen Antike nannte man das „epimeleia heautou“, die „Sorge um sich selbst“, und um diesen Begriff der „Sorge um sich selbst“ hat sich ein Ensemble von Übungen gruppiert. Die Königsübung ist, abends vorm Schlafen den Tag Revue passieren zu lassen. „Was habe ich eigentlich heute gemacht?“ Wenn man das über Monate und Jahre übt, gewinnt man ein neues Verhältnis zu sich selbst. Man befreundet sich mit sich selbst. Das berühmte „gnothi seauton“, „Erkenne dich selbst!“, war eine Praxis, ein wichtiger Aspekt der „Sorge um sich selbst“. Philosophie ist für mich immer mehr diese Art von Übung geworden. Ich nehme mir eine Übung vor und praktiziere sie über Monate. Dabei merke ich, wie ich ein anderes Verhältnis zu mir selbst bekomme und wie ich mich auch im Alltag verändere.

Für die meisten Menschen ist Philosophie eher Theorie. Es ist schon besonders, dass Du die Praxis miteinschließt. Wie kommt das bei den Akademikern an, sind sie darüber verstört?

Also zunächst war ich es, der verstört war, nämlich als ich an der Uni studiert habe. Ich habe mir gedacht, die Professoren reden von so heißen Sachen, die wirklich interessant sind, aber als Person sind sie nicht damit verbunden, irgendwas stimmt nicht. Ich habe mich dann mit indischer Philosophie beschäftigt und angefangen, Yoga zu praktizieren, zu meditieren und habe dann auch einen Lehrer gefunden, mit dem ich nach Südindien gegangen bin. Dort kam ich mit seinen Freunden zusammen, die ihr Leben lang auch geübt haben. Wir saßen am Meer und haben selten über Philosophie oder Meditation geredet, aber dabei habe ich gemerkt, dass diese Leute eine sehr angenehme Atmosphäre ausgestrahlt haben, von der ich das Gefühl hatte, immer so ein wenig hochgehoben zu werden. Wenn ich von ihnen wegging, hatte ich immer das Gefühl, etwas von ihnen gelernt zu haben, ohne dass sie großartig theoretisch doziert haben. Es war ihre Art zu sein. Da habe ich verstanden, dass Philosophie eine Lebenskunst, eine Art zu sein ist, und dass man das scheinbar üben kann.

Aber Du bist nicht in Indien geblieben, was hast Du mit den neuen Erkenntnissen gemacht?

Ich bin nach Europa zurückgegangen und da leuchteten die Stellen, die Hotspots auf, die mich interessiert haben: Friedrich Nietzsche war schon vor Indien der Taktgeber, aber dann auch antike Denker wie Epiktet, Seneca, Marc Aurel, natürlich Sokrates mit neun Augen, Mystiker wie Meister Eckhart und Teresa von Ávila, alles Lebemeister. Seitdem versuche ich, diese Texte, in denen geistige Übungen beschrieben werden, zu sammeln. Es gab Bände, die diese Übungen versammelt hatten, philosophische Manuals, aber die sind verschollen und man kann sie in verstreuten Texten finden und dann mit ihnen experimentieren.
Ich fand immer diesen Satz von Gilles Deleuze, dem französischen Philosophen toll: „Mach was mit der Philosophie“, oder Foucault, der sagt, „meine Philosophie ist wie ein Werkzeugkasten, hol dir ’ne Knarre raus und dreh was damit.“

Was sagst Du Menschen, die diese Texte nicht verstehen?

Es geht nicht ums Verstehen, das ist ja, was die Leute immer von der Philosophie weghält. Es fällt oft der Satz: „Das ist so schwer, so theoretisch, ich verstehe es nicht!“ Und ich sage den Leuten immer: „Ihr müsst nicht verstehen! Entspannt euch! Nehmt einfach einen Satz, der euch irgendwie anspringt heraus und schaut, was er mit euch macht.“ Das Intelligenteste ist, an etwas dran zu bleiben, auch wenn man es nicht sofort versteht. Das kann einem mit einem Film, Text oder auch mit Menschen passieren: „Also ich verstehe den nicht richtig, aber der hat etwas, was mich anzieht und interessiert“ und das Verstehen erst mal zurückzustellen. Viel später macht es plötzlich klick, man ist in einer Alltagssituation und denkt: „Ach so war das, damals, jetzt verstehe ich.“ Das wird in unserer Kultur viel zu wenig eingeübt: Irritationskompetenz. Sich irritieren zu lassen und die Irritation auszuhalten, weil ich glaube, nur die Irritation macht was mit uns. Wenn man uns immer nur das gibt, was wir eh schon verstehen, was schnell rubriziert und in der Schublade abgelegt werden kann, dann geschieht nichts mit uns. Eine Liebe, die man verstanden hat, ist nicht mehr. Wenn Philosophie Liebe zur Weisheit bedeutet, dann soll sie uns in Bewegung bringen, uns verändern. Was man zunächst nicht verstanden hat, arbeitet in einem weiter, es macht was mit uns. So wie ein Gedanke, den wir ständig im Leben auf die Probe stellen und einüben, dann nach einer Zeit in den Muskeln sitzt, zu einer Art zu sein wird.

Also gewinnt man eine Haltung?

Die Griechen hatten den schönen Begriff des Ethos, der Haltung – ein Begriff, der über den militärischen und disziplinarischen Kontext in Verruf geraten ist. Haltung meint, dass man etwas in Gedanken so lange einübt, verinnerlicht, oder wie Goethe sagen würde „sich einverleibt“, bis es zu einer selbstverständlichen Handlung wird. Weil ich viel Sport gemacht habe, ist mir das sofort klar, dass durch die ständige Wiederholung einfach etwas passiert – das ist übertragbar auf die Übungsebene im Geistigen. Und man weiß, jetzt bin ich auf einem bestimmten Level angekommen, es geht aber weiter auf den nächsten Levels. Es ist etwas anderes, wenn ich mir nur über etwas Wissen aneigne. Ich kann 1000 Abhandlungen über den Zorn lesen, wenn ich eine cholerische Ader habe, hilft mir das nur bedingt, nicht cholerisch zu sein. Aber ich kann üben, mit meinem Zorn umzugehen und plötzlich wird er weniger und ich realisiere, dass er in den meisten Situationen gar nicht nötig ist – das ermöglicht nur die Übung.

Heißt das, dass für Dich Philosophie über das Denken hinaus reicht?

Es gibt brillante Denker, die sehr viel Theorie erinnern und abrufen können. Auch das kann man trainieren, dann ist man eben brillant, aber es fehlt dann die Kraft, die Theorie in Leben umzusetzen. Die Musiker würden sagen: das Feeling. Keith Richard hat mit Tom Waits einen Song gemacht mit dem Titel „That Feel“ und der schönen Zeile: „Du kannst alles verlieren, aber eins – wenn du es hast – verlierst du nie: that Feel.“ Durch Übung bekommt man das Gefühl, diese Beziehung zu sich selbst, die dann einfach nicht mehr nur eine Vorstellung ist, sondern einverleibt und gelebt wird. Das ist für mich Philosophie. Und das war ein Jahrtausend, vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis 500 n. Chr. das Zentrum der Philosophie. Das ist leider in Vergessenheit geraten und hat sich akademisiert, ist zur Theorie geworden, und ich glaube, heute sind wir an einem Wendepunkt, an dem wir diese Tradition wieder entdecken und mit ihr experimentieren müssen, um anders zu denken und noch wichtiger, anders zu leben. Die Kyniker in der Antike haben eine wichtige Unterscheidung gemacht. Es gibt den langen Weg in der Philosophie, den Weg über die Theorie, den sogenannten Diskurs und den kurzen Weg, den der Praxis und Übung. Ich mag die kurzen Wege!
Der späte Foucault, der sich genau für diese Tradition interessierte, sagte sogar, dass diese Technologien, wie er sie nannte, d.h. diese Übungen, heute vielleicht die einzige Möglichkeit seien, um den immer differenzierter gewordenen Normierungsmächten, denen wir heute ausgesetzt sind, einen lebendigen Widerstand entgegen zu setzen.
Es ist ja nicht mehr so, dass wir über Disziplinen dressiert werden, sondern wir werden eher mit kaum merklichen Strategien normalisiert. Diese Strategien arbeiten als verlängerter Arm der Gesellschaft in uns, und wir denken, das komme von uns, aus uns heraus. Wir können uns deshalb nicht deutlich davon distanzieren. Nietzsche hat von einem „Unbezähmbaren“, einem „dionysischen Chaos“ in uns gesprochen. Mit diesem Magma in uns können wir uns kurzschließen und daraus etwas Eigenes, ein Selbst bilden.

Viele haben das Gefühl mit ihnen stimmt etwas nicht, haben z.B. Angststörungen. Sie gehen dann zum Psychologen. Sie wären aber vielleicht besser mit philosophischen Übungen bedient, d.h. mit einer philosophischen Praxis, wie du sie betreibst?

Ich finde, einem Philosophen sollte nichts Menschliches fremd sein. Er hat selbst verschiedene Möglichkeiten des Lebens ausprobiert, experimentiert, ist da wirklich reingegangen. Wenn er philosophisch lebt, kennt er die verschiedensten Zustände, auch Ängste aus eigener Erfahrung. Die meisten Menschen haben Angst vor sich selbst, eine Art Autophobie. Wir inszenieren so viele Fluchtmöglichkeiten. Auch Theorie wäre eine Fluchtmöglichkeit und eine Form der Verstellung, um sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Man thematisiert in der Theorie das „Erkenne Dich selbst“, praktiziert aber die Selbsterkenntnis nicht. Das ist die raffinierteste Methode, der Selbsterkenntnis und der Angst vor sich selbst auszuweichen. In einer philosophischen Lebensberatung darf man dieser Angst begegnen, es wird auch nichts kategorisiert und nichts pathologisiert, sondern einfach direkt darüber geredet. Es findet ein Erfahrungsaustausch statt – jenseits von psychologischen Krankheitsbildern.

Worum geht es zum Beispiel?

Die Erfahrung zuzulassen, dass Irritation einen verändert. Camus hat das schön gesagt: „Die Wunde, die man ewig leckt, bereitet endlich Lust. Oft kommen die Leute mit ihren Problemen in die Philosophische Praxis und möchten doch das Gewohnte nicht ändern, sondern pflegen einen Widerstand. Woran man sich gewöhnt hat, das gibt Sicherheit, auch wenn man darunter leidet. Und die Schwierigkeit besteht darin, diesen Widerstand zu überwinden und jemanden die Erfahrung machen zu lassen, dass eine Veränderung nicht unbedingt ein Zusammenbruch bedeutet oder sich zu verlieren. Das ist ja die Panik. Aber zu erleben, wenn ich da raus gehe aus dem Leiden, dann kommt etwas Neues, dass man aufgehoben ist, dass da Hände sind, ist eine wichtige Erfahrung. Heidegger hat mal gesagt: „Wohin springen wir, wenn wir abspringen, springen wir in einen Abgrund?“ Ja, wenn wir uns den Sprung nur vorstellen, nein, wenn wir wirklich springen. Das Wesen der Identität ist Eigentum des Ereignisses.“ Und ich glaube, dass diese Irritationen notwendig sind, damit sich wirklich etwas ereignet und verändert. Wir müssen springen. In unserer Kultur, die ja mittlerweile eine Eventkultur ist, eine Kultur des „Spektakels“, wie Guy Debord es nennen würde, wird jedes Ereignis durch Eventplanung zunichte gemacht. Es kommt darauf an, eine Haltung zu entwickeln, die das Ereignis zulässt, damit eine neue Identitätsbildung stattfinden kann, sich einstellt. Wenn man einmal erfahren hat, dass da Hände sind, die einen tragen, dann will man nicht mehr zurück in die Höhle, wie Platon sagen würde, in der man nur die Schatten des Realen an der Wand sieht. Und die Realität ist meistens viel milder als die Vorstellung. Was uns am meisten Angst macht, ist ja die Vorstellung.

Wie können wir die Angst überwinden?

Eine andere Übung in der Philosophie ist, sich für das Kommende zu wappnen. Man stellt sich in einer bestimmten Situation das Schlimmste vor, das passieren kann. Man geht da wirklich rein. Dann erfährt man, wie viel Irrationales in der Vorstellung war. Das Irrationale löst sich auf, und es öffnet sich genau da, wo der Widerstand ist, eine Tür. Eine Tür zu etwas Neuem. Es ist weniger eine Self-fulfilling Phrophecy, sondern vielmehr eine Öffnung. Man bringt die vorgestellte Zukunft zum Verschwinden. Wenn sie dann eintritt, hat man schon alles bedacht und ist vorbereitet. Es trifft einen dann nicht mehr so schlimm. Man lernt auch dadurch, die Dinge, die nicht in unserer Macht stehen, anzunehmen. Das kommt dem nah, was Nietzsche „Liebe zum Schicksal“, „amor fati“, nennt, dass man alles, das einem entgegenkommt, annimmt, aber nicht zynisch, sondern gelassen.

Was ist Dein Begriff bzw. Verständnis von Liebe?

Es gibt einen schönen Song von Bob Dylan, „Sign Language“. Er bescheibt eine Situation von einem Liebespaar im Café: „You speak to me in sign language as I’m eating a sandwich in a small café at a quarter to three. But I can’t respond to your sign language. You’re taking advantage bringing me down. Can’t you make any sound?“ Also bitte: „Mach einen Sound, rede nicht mit mir in dieser Zeichensprache, die nichts von dir preisgibt.“ Und ich glaube, wenn sich Leute wirklich in Liebe begegnen, tauschen sie Sounds aus. Liebe ist Sound. Liebe ist eine Art von Timing: Dass man im richtigen Moment mit seinem Gefühl in Verbindung steht und es zulässt. In Verbindung sein mit seinen Gefühlen, die Gefühle annehmen und sich der Gefahr aussetzen, heißt „to fall in love“. Da muss man sich fallen lassen, um das zu erleben, es nicht mit Zeichensprache verstellen, um sich abzusichern – da ereignet sich dann auch was. Liebe ist dann, wenn sie gelingt, ein Ereignis. Die meisten Leute haben Angst davor und bleiben in diesen neurotischen Zirkeln von Projektionen. Ein toller Satz von Lacan, in Liebesdingen der oder dem anderen zu bedeuten: „Ich bitte dich, mir nicht das zu geben, was ich von dir wünsche, denn das ist es nicht“, verweist auf diese Projektionen. Das geschieht aber meistens in Liebesbeziehungen. Man projiziert etwas, ein bestimmtes Bild, das man haben will, und dann ist man enttäuscht, wenn die/der andere dem nicht entspricht. Und das passiert wechselseitig. Man muss lange den Hof machen und Verletzungen einstecken können in der Liebe, um zu merken, es stellt sich etwas ein, das man Liebe nennen kann. Das bedeutet auch, dass man erst mit sich selbst synchron sein muss und dann erst synchron mit jemand anderem sein kann. Je mehr man bei sich selbst zulässt, desto mehr kann man in der Liebesbeziehung zu jemandem anderen zulassen. Eine Liebesbeziehung kann asynchron werden, jemand entwickelt sich weiter, der oder die andere bleibt stehen, dann gibt es ja oft Trennungen, die vielleicht nicht sein müssten, wenn man ein Stückchen länger aushält. Zuerst muss man eine Beziehung zu sich selber herstellen. Und natürlich ist die Liebesbeziehung dabei eine Hilfe. „Ich“ ist immer ein anderer, wenn man redlich – ich bevorzuge dann doch statt Kommunikation das religiöse Wort Kommunion, d.h., wenn man „in Kommunion“ mit jemandem kommen will. Nietzsche hat gesagt, „Worte sind Tonzeichen […] für bestimmte Empfindungsgruppen, und dieselben Worte zu benutzen, heißt noch nicht sich zu verstehen, wir müssen auch dieselben Empfindungsgssruppen mitbringen, um uns wirklich zu verstehen.“ Letztlich müssen wir eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, um zusammenzukommen, und das würde ich dann „Kommunion nennen. Auch in der Begegnung, nicht nur in Liebesbeziehungen, gibt es die kommunionalen Erlebnisse: Man merkt, „Oh, man ist zusammen!“ Aber dann reden diese Leute wirklich von sich selbst und geben einen „Sound“.

Nietzsche sagte ja auch: „Die Musik dagegen trifft das Herz unmittelbar, als die wahre allgemeine Sprache, die man überall versteht.“ Ist Musik auch für Dich eine Erfahrung, die die Existenz verändern kann, wenn man es zulässt?

Ja, die Musik macht im besten Falle etwas mit uns. Der französische Philosoph Gilles Deleuze sagte, wenn ich doch nur einmal eine Vorlesung so halten könnte, wie Bob Dylan einen Song schreibt. Und eine philosophische Lecture kann wie eine Rockkonzert sein, kann Musik sein, kann wie ein Schrei sein. Es gibt ein paar Philosophen, die die Nähe zwischen Philosophie und Musik wirklich gespürt haben, eben Nietzsche oder Gilles Deleuze, dass Gedanken Melodien sind. Und manchmal höre ich Philosophie als Musik. Oder ich höre auf ihren Rhythmus. Ein Buch, was für mich keinen Groove hat – um die Jazzmusiker zu zitieren – lege ich dann weg. Ich frage nur, hat es einen Groove, hat es einen Sound für mich, egal wie brillant es ist, das muss es schon sein.

Auf Deiner Dachterrasse hier hängen tibetische Gebetsfahnen, haben die irgendeine Bedeutung für Dich?

Die sind schon älter und haben bereits Risse vom Wind. Wir haben Angst vor diesen Rissen, wir haben Angst, eine Wunde zu zeigen. Ich lese gerade das 1000-seitige Werk von Johannes Stüttgen über die Beuys-Zeit, und das war schon toll – der Beuys-Satz „Zeige deine Wunde!“ Das gilt auch für die Philosophie, sich eine Blöße zu geben, sich in unbegangenes, unbedachtes Gebiet zu wagen, um neue Gedanken und neue Haltungen zu finden, mit der Philosophie zu experimentieren, etwas mit sich machen zu lassen, das ist eines der schwierigsten Unterfangen. Auch da wieder eine kleine Songwahrheit von Leonard Cohen: „There’s a crack in everything, that’s how the light get’s in.“ Wir wollen lieber noch das Nichts als einen Moment in der Blöße stehen, sagt Nietzsche, wir wollen alle souverän, cool, gecheckt sein, alles im Coolcheck haben und so wirken, aber das ist es doch nicht. Die Menschen, die wirklich interessant sind, haben Brüche, Cracks. Und durch diese Cracks kommt neues Licht in das Leben. Und es ist wirklich schwer, sich dem auszusetzen und da sind wir wieder bei der Angst vor sich selbst. Ich glaube, dass diese Autophobie ein Grundmuster ist, was viele Verstellungsmuster hervorbringt. Und eines kann sein, Theorien zu bilden, noch brillanter zu sein, da zu kreisen, noch eins draufzusetzen. Aber wie Lessing in „Nathan der Weise“ sagt: „Die Fesseln um die wir wissen, sind wir noch nicht los.“ Das ist finde ich, ist das Spanneste und Interessanteste an der praktischen Philosophie, dem kurzen Weg: Wissen zu produzieren, das die Fesseln löst und uns verändert. Foucault nennt das „geistiges Wissen, spirituelles Wissen“. That’s it!

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