Susan Gluth

Reisende zwischen den Welten

Die Regisseurin und Kamerafrau Susan Gluth besucht Menschen an den entlegensten Orten der Erde und erzählt über sie in einfühlsamen Dokumentarfilmen. 

Dokumentarfilmer sind Forschernaturen. Sie erkunden fremde Länder und das Fremde in ihrem eigenen Land. Sie überschreiten Grenzen, entdecken Schönes, Kurioses, Trauriges und bringen die Zuschauer mit ihren Filmen dazu, dasselbe zu tun. Vorausgesetzt sie erzählen so feinfühlig und oft auch humorvoll wie die Hamburgerin Susan Gluth. Egal, ob es in ihren Werken um sudanesische Flüchtlingskinder oder die Bewohner der amerikanischen Rentnerstadt Sun City geht. Einer ihrer ergreifendsten Filme jedoch ist die 2016 erschienene Dokumentation „Urmila – für die Freiheit“. Sie zeigt den Kampf einer jungen Frau gegen die heute verbotene Kindersklaverei in Nepal. Ein Thema, das auch friendly hunting bewegt – schließlich produzieren wir nicht nur in diesem Land, sondern betreiben dort auch ein kleines Waisenhaus. Wir luden Susan Gluth zu uns auf den Peterhof ein und sprachen mit der preisgekrönten Regisseurin über ihre Arbeit, ihre Reisen und darüber wie es ist, immer wieder alleine ins Unbekannte aufzubrechen.

 

Für deine Filme reist du in entlegene Regionen der Welt, und wirst dort häufig mit schlimmen Lebensumständen und großer Ungerechtigkeit konfrontiert. Wie gehst du damit um?

Es fällt mir oft schwer, diese Zustände zu akzeptieren, weil ich in Freiheit und Reichtum aufgewachsen bin. Aber das Annehmen gehört zum Job. Ich gehe nicht in ein Land, um es zu verändern. Ich bin dort Gast und dokumentiere und analysiere, was ich sehe. In den Regionen, die ich bereise, herrscht oft ein sehr niedriger Lebensstandard. Es ist extrem beeindruckend, wie andere Menschen mit dem wenigen, was sie haben, leben können. Und dabei häufig einen gewissen Frieden verinnerlichen. Freude über das, was ist. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, wenn die Menschen einen eigenen Weg finden, mit der Armut umzugehen. Ich steige nach einigen Wochen oder Monaten wieder ins Flugzeug und kehre in meine Wohlstandswelt zurück. Und durfte so viel Bereicherndes erleben.

 

Wie verarbeitest du schlimme Erinnerungen?

Das Schlimme, was bleibt, sind eigene Erfahrungen oder Erzählungen über Folter, Krieg oder Mord. Es macht mich wütend und fassungslos. Doch das Erleben von Ungerechtigkeit führt bei mir zu Aktivität, nicht zu Rückzug, und das bewahrt mich zum Glück vor einer inneren Destruktivität. Ins Grübeln komme ich eher, wenn ich in meine Realität nach Deutschland zurückkehre und die Unzufriedenheit der Menschen hier sehe.

 

Bei den Dreharbeiten kommst du deinen Protagonisten sehr nahe. Ist es schwer nach den Projekten auseinanderzugehen?

Ja.  Es gibt Drehreisen, da fährt man für ein paar Wochen hin und weiß, man sieht sich danach nie wieder. Das ist schwer. Die beiden Flüchtlingsmädchen im Tschad, deren Geschichte ich in „Shadows of Fate – a refugee childhood“ erzähle, vermisse ich seit 10 Jahren. Ich wüsste gerne, wie es Ihnen geht, wo sie leben, was sie tun. Andererseits nehme ich ja viel an Material und Erfahrungen mit nach Hause. Während ich mich im Schneideraum damit beschäftige, bleibt viel von der Begegnung bei mir.

 

Bekommen deine Darsteller die fertigen Filme zu sehen?

Fast immer wird der Film im Rohschnitt von den Protagonisten abgenommen. Ich kehre dann zurück, zeige das Projekt und bekomme sehr ehrliche Meinungen von den Menschen. Danach weiß ich, der Film kann so in die Öffentlichkeit. Es gibt keine groben Fehler. Diese Bestätigung entfällt, wenn man sich nicht wiedersieht. Ob der Film den richtigen Weg eingeschlagen hat, weiß ich dann nie.  Aber ich bin auch keine Journalistin, die allein der objektiven Wahrheit verpflichtet ist. Das hilft.

 

Hast du die Erfahrung gemacht, dass Dokumentarfilme etwas bewegen können?

Bei mir als Filmemacher des Projektes ganz sicher. Aber bei den Zuschauern? Meine Filme decken nichts journalistisch auf. Sie machen eher Zusammenhänge deutlich und versuchen den emotionalen Zugang zum Zuschauer zu finden. Damit zeigen sie oft auch ein Stück von der Welt, wie wir sie vielleicht noch nicht kennen oder schaffen Verständnis für andere Realitäten. Oft bleiben die Menschen lange im Gedächtnis und bewegen einen noch, wenn man das Kino längst verlassen hat. So würde ich das Feedback der Zuschauer zusammenfassen. Das ist schon viel. Ob Filme die Welt verändern können? Früher habe ich tatsächlich daran geglaubt.

 

Gibt es Filme, die dich persönlich beeinflusst haben?

Einige haben mich zu konkreten Veränderungen im Alltag geführt, dabei können sie ganz unterschiedlicher Machart sein. „Darwin‘s Nightmare“ von Hubert Sauper hat mir beispielsweise die Augen geöffnet, keinen Victoriabarsch mehr zu kaufen. Michael Moores Filme schaffen eine ganz eigene Art der Aufklärung, die aber gleichzeitig ein größeres Verständnis für die Amerikaner schafft. Und „Bombay Beach“ von Alma Har’el ist ein Glücksfall des experimentellen Dokumentarfilms. Er hat eine immense Wucht und gleichzeitig eine tänzerische Leichtigkeit, die mich zwingt, anders auf die Welt zu schauen, mich fast verführt, in einen Rausch versetzt. Am Ende habe ich viel gelernt über das Amerika der Underdogs, über Armut, Umweltzerstörung und die verdammte Pflicht jedes einzelnen, das Leben zu feiern.

 

Wie findest du deine Themen oder finden die Themen dich?

Bisher kommen die Themen zu mir. … Einmal passierte es auf dem Rückflug von Indien nach Deutschland: Die New York Times berichtete in einem Mini-Artikel über den Krieg und die Vertreibung in Darfur. Ich war nach sechswöchiger Reise durch Indien und Bhutan sehr offen für Themen dieser Art, und begann bereits am nächsten Tag, zu recherchieren. Daraus entstand der  Film „Shadows of Fate – a refugee childhood“. Ein anderes Mal saß ich in einem Konzert, auf das ich erst gar nicht wollte. … Nach Ende des Gigs ging ich enthusiastisch zum Manager der Band und bat um ein Interview mit dem Gitarristen. Daraus entsteht nun eine Langezeitbeobachtung von Dominic Miller. Die Themen kreuzen meinen Weg, irgendetwas macht mich fassungslos oder begeistert mich. Dann fange ich an.

 

Wie schaffst du es, dass deine Protagonisten die Scheu vor der Kamera ablegen?

Ich denke, sie haben keine Scheu. Sie würden sich sonst gar nicht bereiterklären, sich von einer Kamera begleiten zu lassen.

 

Drehst du alleine oder im Team?

Je nachdem was gebraucht wird. Meine Vorliebe ist die Beobachtung der Menschen, das klappt besser allein. Wenn aber der Ton wichtig ist, brauche ich dafür erfahrene Kollegen. Oder eine Assistentin, die bei der Organisation hilft.

 

Wie klappt die Verständigung?

Fast immer sehr gut – oft ohne Worte. Das ist wichtig, wenn man die Sprache des anderen nicht spricht.

 

Bist du bei der Arbeit in Ländern wie dem Sudan oder Indien in gefährliche Situationen geraten?

Ja. Aber es gab immer Schutzengel – ohne die geht es nicht.

 

Dein Tipp: Was sollte man immer dabeihaben, wenn man in entlegene Gegenden reist?

Salzstangen, Müsliriegel, Taschenlampe, Wäscheklammern, Karabinerhaken, Medizin plus Instrumente, Spritzen, Topf und Löffel, Taschenmesser, Seife, ein gutes Buch.

 

Wie findest du zur Ruhe, wenn das Reisen strapaziös ist?

Momente des Alleinseins finden, klaren Kopf bekommen, strukturieren, Pläne machen für den nächsten Tag. Aufschreiben. Gut essen und da wo es geht das (kalte) Feierabendbier zelebrieren.

 

Du bist oft wochenlang unterwegs. Was ist das Schönste beim Nachhause kommen?

Wäschewaschen. Selbst kochen. Verantwortung (für einen Moment) ablegen.

 

Dauert es lange, bis dich das Reisefieber dann doch wieder packt?

Ja nach Intensität der vorigen Reise – oft nur Wochen.

 

Susan Gluth besuchte die Hochschule für Fernsehen und Film in München, und zählt heute zu den renommiertesten Dokumentarfilm-Regisseurinnen Deutschlands.  Zu ihren Filmen zählen „Nulla si sa, tutto s’immagina… secondo Fellini“, „Mit den Augen eines Flüchtlingskindes“ (2006), „Wasser und Seife“ (2008), „Playing Hooky – getting old is not for sissies“ (2014) und „Urmila – für die Freiheit“ (2016). Außerdem arbeitet sie als Kamerafrau, Dozentin, Jurymitglied auf Filmfestivals und hat mit gluthfilm (http://susangluth.de) eine eigene Produktionsfirma gegründet. Ihre Filme wurden weltweit auf Festivals, in Museen oder im Fernsehen gezeigt und haben zahlreiche Preise gewonnen.

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