Ksenija Sidorova – Avi Avital

KSENIJA SIDOROVA

MIT DEM KLASSIK ECHO AUSGEZEICHNETE AKKORDEONISTIN

AVI AVITAL

GRAMMY NOMINIERTER MANDOLINE SPIELER

# Interview

Als fashion label wollen wir natürlich wissen welche Rolle für Euch Eure Outfits auf der Bühne spielen?

Ksenija: Ich denke das Outfit spielt schon eine Rolle und unterstreicht den Charakter der Musik die man spielt… Es muss aber auf jeden Fall bequem sein, damit man es nicht groß spürt. Du möchtest nicht darüber nachdenken was Du gerade an hast während Du spielst. Du konzentrierst Dich lieber auf die Musik. Der Rest dient nur als Rahmen, damit Du Dich wohlfühlst. Für mich ist Mode der hübsche Rahmen – zum Wohlfühlen, eine Kombination von Vielem…

Avi: Na ja, in einem Konzert geht es nicht nur um die Musik… Das Ganze ist ein Ritual, und es gibt einige ungeschriebene Gesetze, die es begleiten. Mit vielleicht tausend anderen Menschen sitzt Du zusammen im Publikum, dann kommen die Musiker auf die Bühne, Du applaudierst, dann wird es ganz still, die Musik fängt an… Da gibt es all diese traditionellen Gesten und Abfolgen, die das Ganze zu der Erfahrung ‚Konzert‘ machen.

Und das Outfit gehört zu diesem ‚Paket‘ dazu. Wir kennen es so, dass über unsere Kleidung unsere Rolle definiert wird. Ob es nun der Busfahrer oder der Papst ist, in welcher Kleidung wir uns gegenübertreten definiert unser Verhältnis zueinander. Traditionell trägt ein klassischer Musiker die Kleidung eines Dieners. Für mich ist das der Dienst den ich den Menschen anbiete – deshalb trage ich doch eine Art Uniform auf der Bühne. Das hilft mir zu verstehen – und das möchte ich nicht vergessen – dass ich für das Publikum da bin und nicht andersherum. Ich möchte der Schamane sein, der das Ritual anleitet; ich möchte den Menschen dienen, die in das Konzert kommen um der wunderschönen Musik zu lauschen. Ich möchte ihnen eine künstlerisch hochwertige und hoffentlich erfüllende Erfahrung anbieten.

Allerdings – wir leben schließlich im 21. Jahrhundert – ich kann mich nicht daran erinnern wann ich zuletzt eine Krawatte oder Fliege getragen habe – vielleicht bei meinem Bar Mitzwah… Diese Ästhetik erscheint mir doch sehr altmodisch, aber ich respektiere und achte auf den zeremoniellen Charakter unserer Konzerte – meistens in Form von schwarz-weißer Kleidung statt roter oder lila Kleidung und dann ein grüner Hut dazu! Ich halte mich im Grunde an den ‚Dresscode‘ der für klassische Konzerte gilt. Gleichzeitig versuche ich, das Ganze etwas aufzupeppen – vielleicht durch den moderneren Schnitt des Anzugs oder einem besonderen Hemd. Aber wir Männer haben da leider gar nicht so viel Spielraum, wir können nicht viel experimentieren. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, und allzu Ausgefallenes wirkt schnell zu schrill.

 

Und ganz generell –  wie wichtig ist Euch Mode im Alltag?

Ksenija: Meiner Meinung nach ist es eine Ausdrucksform des Selbst, für manche mehr als für andere. Unser Alltag wird vom Reisen bestimmt, ich möchte deshalb noch mal auf den Punkt des Komforts zurückkommen, die Kleidung muss in unserem Fall praktisch und bequem sein. Wenn Du für einen ganzen Monat packst, von Australien bis Europa viele Länder bereist, dann auch noch in verschiedenen Klimazonen bist, dann muss alles gut durchdacht sein. Ich trage dann ja auch noch mein Instrument auf dem Rücken. Insgesamt darf das alles nicht zu schwer werden. Ich liebe es, wenn ich dann endlich mal wieder zu Hause bin und vor meinem großen Kleiderschrank stehe mit viel Auswahl und tonnenweise Schuhen dazu… Wenn ich reise ist mein Stil klassischer, als wenn ich zu Hause bin.

Avi: Wenn ich nicht arbeite – wo ich trage was ich eben beschrieb – weiß ich Mode sehr zu schätzen. Es ist eine Ausdrucksform dessen was Du bist, oder manchmal auch dessen was Du gerne sein würdest, und es ist eine Form des Schönen, eine Art Ausübung des Schönen. Als Künstler sind wir unser ganzes Leben lang auf der Suche nach der Schönheit, der Anmut, das ist für uns ganz wichtig. Und wenn man dann etwas Schönes sieht – in der Natur oder Architektur, dann trägt das zu einem harmonischeren Leben bei. Und gut gekleidet in die Welt hinauszugehen trägt auch zu dieser schöneren Welt bei nach der wir ständig suchen und die ich wertschätze, also versuche ich, meinen Teil dazu beizutragen. Und mir ist klar geworden, dass das wirklich einen Unterschied machen kann. Ich trage zum Beispiel viel Schwarz – aus Gewohnheit und weil ich es mag. Doch kürzlich habe ich mir einen bunten Schal gekauft, ein riesiges Tuch, und im Winter habe ich festgestellt, dass es durchaus eine Wirkung auf die Menschen hat. Es hat mich erst etwas Mut gekostet, es zu tragen, denn ich dachte „oh nein, es ist wirklich megabunt“, aber dann stellte ich fest, dass es die Leute zum Lächeln brachte, wenn ich es trug und sie ein wenig aus ihrem Wintergrau aufwachten.
Mode ist etwas Herrliches. Ich liebe es, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und dann die ganzen tollen und schrägen Outfits der Leute zu beobachten. Das macht das Leben interessanter und schöner.

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Ihr seid beide wirklich ständig unterwegs. Seid ihr inzwischen Pack-Profis?

(Avi und Ksenija schauen sich an und lachen beide los)

Avi:  Ach ja… ok, diese Netze – kennst Du diese Netze, die man zum Beispiel bei Muji kaufen kann? Diese in viele Fächer unterteilten Netze haben mein Leben verändert! Wenn wir reisen, wechseln wir manchmal täglich das Hotel. Die Ein- und Auspackerei verbraucht dann immer total viel Zeit. Jetzt nutze ich diese Methode mit den Netzen und das funktioniert super! Die Anzüge und Hemden lasse ich in den Hüllen der Reinigung, damit sie nicht knittern. Dann alles in diese Fächer in den Netzen – das war’s – dauert eine halbe Stunde! Wie lange dauert es bei Dir? (er schaut Ksenija an).

Ksenija: Bei mir geht das eigentlich immer recht schnell… man lernt einfach, optimal zu packen. Aber jedes Mal, wenn ich einen Koffer sehe, denke ich “Oh nein – nicht schon wieder”! Ich versuche, so schnell wie möglich zu packen, denn ich verbringe meine Zeit natürlich lieber mit meiner Familie oder mit anderen Dingen. Ich habe da so eine Checkliste… Sie ist auf meinem Handy gespeichert. Die arbeite ich immer ab, denn ich neige dazu, Dinge zu vergessen.

Was ich für die Auftritte brauche, weiß ich immer ganz genau. Danach kommt ein längerer Prozess des Auswählens der richtigen Kleidung. Ich war zum Beispiel gerade in Australien, wo ich Sommerkleidung brauchte. Das war ein seltsames Gefühl, die hier mitten im Winter einzupacken. Für alles andere gehe ich dann meine Liste durch… zack, zack, zack.

 

Ihr habt beide im Alter von acht Jahren angefangen, Eure Instrumente zu spielen. Erinnert ihr Euch daran, wie genau alles anfing?

Avi: Die erste Begegnung war einfach nur Zufall: ich hörte unseren Nachbarn spielen. Als ich dann unbedingt eine Mandoline wollte, kauften meine Eltern mir eine. Ich erinnere mich daran, wie frustrierend der erste Unterricht war, denn es dauert eine Weile, bis man überhaupt einen vernünftigen Ton hervorbringen kann. Es sieht vielleicht einfach aus, aber ich weiß noch, wie schwierig es war, an der richtigen Stelle auf die Saiten zu drücken. Das sind meine Erinnerungen an die Anfänge, und es ist gut, dass ich das nicht vergessen habe, denn mein Sohn ist jetzt fünf und fängt gerade an, Klavierspielen zu lernen. Es ist gut und wichtig, mich an diesen Kontrast zu erinnern: jemanden spielen zu hören und zu glauben, es sei ganz leicht, und es dann selber zu lernen.  Aber ich habe mein Instrument immer geschätzt und geliebt, es war ein guter Ausgangspunkt. Von dort aus ging es dann Schritt für Schritt weiter.

Ksenija: Ich war sechs Jahre alt, als mir meine Großmutter mein Instrument schenkte. Zu dem Zeitpunkt waren meine Eltern nicht gerade begeistert von der Idee und verfolgten das erstmal nicht weiter. Als ich acht war, hatte meine Mutter eines Tages, als sie mich von der Schule abholte, plötzlich die Idee, mal bei der Musikschule reinzuschauen. Die lag direkt am Weg und wir gingen einfach rein. Das Akkordeon ist normalerweise kein ‚Starter‘ Instrument, und die Dame am Empfang war erstmal konsterniert. Meistens wechseln diejenigen zum Akkordeon, die am Klavier gescheitert sind. Dann sagte sie „Ok, das ist jetzt eher ungewöhnlich, aber wir versuchen es einfach mal. Wenn es bis Ende des Jahres nichts wird, dann lassen wir es eben wieder“.

Meistens ist es am besten, wenn Du solchen Eingebungen und spontanen Ideen folgst. Für mich hat das immer wieder gut funktioniert.

 

Eine weitere Parallele bei Euch ist, dass ihr beide eher folkloristische, traditionelle Instrumente gewählt habt, die nicht unbedingt auf der großen Bühne präsent sind. Wie fühlt es sich an, Botschafter/in für die Mandoline, bzw. das Akkordeon zu sein?

Avi: Das ist in der Tat eine Herausforderung. Kein Konzertmanager sitzt in seinem Büro und denkt “wir brauchen noch einen Mandolinen Spieler“… Es geht also darum, etwas Besonderes anzubieten, etwas, das vorher noch nicht da war.

Ich glaube ich spreche für uns beide, wenn ich sage, dass für einen Violinisten oder eine Pianistin der Weg den sie gehen werden ziemlich genau vorgezeichnet ist. Man folgt dem was schon da ist. Mit unseren Instrumenten haben wir ein weites, offenes Feld. Man kann das als Nachteil empfinden, aber für mich war es immer ein großer Vorteil. Es macht Spaß, sich den eigenen, persönlichen Weg zu bahnen. Dir bleibt gar nichts anderes übrig, als mit deinem Instrument sehr kreativ umzugehen.

Ksenija: Hinzu kommt, dass unsere beiden Instrumente zwar in allen möglichen Stilrichtungen zu finden sind, aber es gibt wenige Musiker, die die Mandoline und das Akkordeon kombinieren. Ich freue mich allerdings zu sehen, dass es mehr werden. Bei den Autogrammstunden nach den Konzerten treffe ich viele junge Spieler, und das ist toll.

Avi: Ich mag es sehr, ein ‚Botschafter‘ zu sein. Für mich ist mein Leben eben so verlaufen, wie es ist. Es war eine Kette von wunderbaren Zufällen, die mich dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin. Ich bin nicht irgendwann morgens aufgewacht und habe gedacht „das ist meine Berufung“.  Ich glaube, man sollte einfach das wertschätzen was einem das Leben mitgegeben hat, egal was es war und ist. Daraus sollte man dann das Beste machen und alle seine Fähigkeiten nutzen.

Ksenija: Mit der Freiheit geht aber auch eine bestimmte Verantwortung einher. Man muss sich schon genau überlegen was man spielt und wie. Man versucht, etwas Neues anzubieten. Wenn man zum Beispiel die Transkription eines Stückes sieht, möchte man davon nichts weglassen. Man möchte eher etwas hinzufügen, oder man riskiert auch mal, Stücke zu spielen die nie wieder gespielt werden oder die niemals eine größere Popularität erfahren werden.

 

Gab es denn auch schon einmal so einen “magischen Moment” den ihr nie wieder vergessen werdet?

Avi: Oh ja, und das ist noch gar nicht so lange her. Wir hatten ein ganz besonderes Erlebnis. Im November traten wir zusammen in der Carnegie Hall auf. Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich dort mal spielen würde… Ich hätte es für Science Fiction gehalten. Aber wir haben beide hart an unseren Karrieren gearbeitet, wir haben uns beide immer ganz stark an unsere Werte als Musiker gehalten… und dann.. waren wir plötzlich dort.. Carnegie Hall… mit seinem legendären Orchester, einem ausverkauften Saal und einer fantastischen Atmosphäre! Ich erinnere mich ganz genau – wir gingen auf die Bühne und hatten beide ein riesiges, strahlendes Lächeln im Gesicht. Und das Konzert war einfach unglaublich. Wir haben sicherlich schon an die hundert Konzerte zusammen gespielt, aber dieses werde ich bestimmt niemals vergessen. Irgendwie kam dort alles Bisherige zusammen. (Ksenija nickt zustimmend)

 

Avi, Du bist in Israel geboren und wohnst zurzeit in Berlin; Du Ksenija kommst aus Lettland und nennst jetzt Madrid Dein zu Hause. Nicht nur physisch, sondern auch musikalisch seid ihr ‘zwischen den Welten’ – wie würdet ihr mit einem Satz Eure Identität beschreiben?

Avi: Ich identifiziere mich hauptsächlich mit meiner Rolle als auftretender Musiker. Ich glaube voll und ganz an das was ich mache. Ich glaube es würde uns allen besser gehen, wenn wir mehr Kunst und Kultur in unser Leben ließen. Es muss nicht unbedingt Musik sein. Aber wenn wir mehr Konzerte besuchen würden, mehr Gedichte lesen würden – vielleicht wären wir dann eine bessere Gesellschaft, mit mehr Empathie und einem besseren Vorstellungsvermögen. Menschen diese Erfahrungen zu ermöglichen, sehe ich als meine Mission an und der habe ich mich verschrieben. Wenn ich daran denke, wie wichtig – in meinen Augen – unser kleiner Beitrag für die Gesellschaft ist, dann lohnt sich für mich all die Mühe und das viele Herumreisen.

Ksenija: Ich stimme voll und ganz zu. Das können wir mit ‚copy & paste‘ direkt übertragen (beide lachen). Dem ist fast nichts hinzuzufügen. Ja, ich finde auch, dass die Reiserei und die harten Zeiten es wert sind, wenn eine Aufführung den Zuhörern einen Moment der Hoffnung gibt, ihnen ein paar Tränen der Rührung in die Augen treibt oder ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

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